Mummenschanz. Stück für Stück: Dunkelviolette Geschichten

Mummenschanz in großen Halen

Im Englischen gibt es die Bezeichnung “purple prose”, und wer immer die Absicht hat, ein unsägliches Schreibseminar zu besuchen, wird als erstes lernen, sie zu vermeiden, weil sie den Erzählfluss stört, indem sie unerwünschte Aufmerksamkeit auf einen eigenen extravaganten Schreibstil lenkt. Nun, dessen bin ich ganz und gar schuldig. Es gibt ein nettes Zitat von Paul West, das folgendermaßen lautet:

“Es gehört schon eine gewisse Frechheit dazu, sich für Prosa einzusetzen, die reich, saftig und voller Neuerungen ist. Lila ist unmoralisch, undemokratisch und unaufrichtig; im besten Fall kunstvoll, im schlimmsten Fall der vernichtende Engel der Verderbtheit.”

Nun nenne ich meine Erzählungen natürlich nicht “lila”, sondern Dunkelviolett, vor allem deshalb, weil es diese Farbe überhaupt nicht gibt und sie nur im Kopf entsteht. Weder geht das kurzwellige Violett in einen Rotbereich über, noch sind in dem langwelligen Rot-Bereich Blaumischungen enthalten. Auf meine Literatur angewandt bedeutet das eine mystische violette Welt, eine Balance zwischen Natur und “Märchenwelt”. Ich glaube, dass es das durchaus trifft und es sich bei dieser Kategorisierung nicht nur um einen Jux handelt.

Der Mummenschanz in den Exquisiten Lektüren

Frank Duwald, den ich zu Beginn des Phantastikon-Magazins 2015 kennenlernte (und der auch einige Texte zu Beginn beisteuerte), hat sich immer schon als Leser positioniert, der das Besondere zu schätzen weiß; und damit ist vor allem eine Literatur gemeint, die man innerhalb unserer gleichgeschalteten Melasse immer schwieriger auffindet. Ich gebe es zu: ich war immer schon beunruhigt, wenn ich Wertschätzung erfuhr (das ging mir sogar bei meiner Frau so, es ging mir später bei Tobias Reckermann so, und es ging mir auch bei Silke Brandt nicht anders). Lady’s and Gentleman … ich bin Verhaltensgestört!

Dass Frank mich für seine EXQUISITEN LEKTÜREN ausgewählt hat (und ich Tatsächlich neben einer Gigantin wie Virginia Woolf dort Platz nehmen darf) ist tatsächlich ein freudiger Augenblick für mich. Man darf bei alledem wirklich nicht vergessen, dass ich ein aus der Welt Gefallener bin, der sich durchaus bewusst ist, wie sehr im Abseits er schreibt. Ich gebe Franks Text also hier wieder:

EXQUISITE LEKTÜREN

Michael Perkampus

MUMMENSCHANZ IN GROSSEN HALLEN (2020)

Wenn man eines bei der exquisiten Lektüre von MUMMENSCHANZ IN GROSSEN HALLEN direkt vergessen kann, dann ist es ein, wie ich finde, natürlicher Leserdrang, Geschichten, mit denen man einige Zeit verbringt – zu verstehen. Diesen einfachen Wunsch erfüllt uns Michael Perkampus in keiner der enthaltenen Geschichten. Aber, wie wichtig ist denn das Durchschauen von erzählender Literatur am Ende wirklich? Und wie wichtig ist es, wenn diese erzählende Literatur etwas in uns zum Klingen bringt, ohne, dass wir wirklich dahinter kommen, wie das dem Autor, dessen abseitiges Fantasie-Reservoir unermesslich zu sein scheint, gelingt?

Der Band gibt uns sieben Erzählungen, die bereits zwischen 2008 und 2019 in diversen Anthologien erschienen sind, sowie acht hier brandneu veröffentlichte. Es scheint mir unmöglich, daraus einzelne Texte herauszugreifen, da sie jeweils ein Bild ergeben, das sich auf das gesamte Buch umbrechen lässt. Was mir an erster Stelle das unbedingte Verlangen, Erklärungen zu erhalten, unwichtig werden lässt, ist die Art und Weise, wie Perkampus seine jenseits aller Klischees stattfindenden Ereignisse ausgibt. Mit einem sehr großen Wortschatz gesegnet, lässt Perkampus jeden Satz zu Musik erklingen. Um das zu erkennen, braucht man nur wahllos einzelne Sätze laut lesen, um zu spüren wie der Sprach-Rhythmus groovt. Perkampus nutzt Sprache wie begnadete Musiker ihre Instrumente. Und einen sehr guten Musiker erkennt man schon an seinen ersten Tönen – so auch Michael Perkampus. Ob mit der Realität unserer Zeit, mit manipulierter Historie, Schauerausbrüchen, sphärischer Phantastik oder gar Endzeit – er spielt mit jedem Thema so virtuos und macht es zu seinem eigenen, wie es nur ein Meister kann, wenngleich manchmal etwas mehr Herz das Ganze in meinen Augen nochmals steigern könnte. Zur noch intensiveren Wirkung empfehle ich, die Geschichten nicht hintereinander wegzulesen, sondern sich jeden Tag nur eine davon zu gönnen und sie zu genießen wie ein 5-Sterne-Essen.

Sitwell nicht zu übersetzen

Von einigem Interesse scheint mir zu sein, dass jene, die sich gegenwärtig ins Nichts zurückgezogen haben, auch in der Vergangenheit tot sind. Es wäre leicht zu beweisen, uns aber fehlt die Finesse, die Vergangenheit durch unser Schattenauge losgelöst anzusehen, weshalb wir sie überhaupt erst erfinden. In der Erfindung sind wir lebensklug, wenn nicht gerade akribisch darin, jedes Teilchen dorthin zu legen, wo es zwar nie gewesen sich für unsere heutigen Augen dennoch gut ausmacht.

Sitwell

Kurz zog ich in Erwägung, einige Gedichte von Edith Sitwell zu übersetzen, aber von derartigen Vorhaben muss ich Abstand nehmen, das wurde mir bereits bei Eric Basso klar, dem ich dasselbe Vorhaben zukommen lassen wollte. Sitwell und Basso sind nun nicht miteinander zu vergleichen. Ich erwähne sie nur in einem gemeinsamen Satz, weil sie mich persönlich vor die gleichen Probleme des Mikrokosmos stellen, dem ich selbst genug schon zuarbeite, als dass ich durch Übersetzung eine neue Position einnehmen könnte.

Edith Sitwell war das ultimative Schaustück der Exzentrikerin in einer Zeit, die überdurchschnittlich viele davon hervorbrachte. Das mag daran liegen, dass sie aus einer notorisch exzentrischen Familie stammte – einer Familie, zu der eine Mutter gehörte, die wegen Betrugs im Holloway-Gefängnis saß, und ein Vater, der eine kurze Geschichte der Gabel und eine Geschichte der Kälte publizierte und eine Pistole zum Erschießen von Wespen erfand. Sie ging weit über das Bild der schrulligen, aber liebenswürdigen Landedelfrau hinaus.

In erster Linie war Sitwell natürlich eine Dichterin, eine Säule des künstlerischen Lebens in London, und verkörperte eine heute allgemein unterrepräsentierte Seite der Moderne. “Guter Geschmack ist das schlimmste Laster, das je erfunden wurde”, sagte sie, stets im Widerspruch zu den herrschenden Geschmacksvorbildern, ob diese nun dem Establishment oder der Avantgarde angehörten.

Vom Verschwinden

Das Verschwinden um uns herum ist bizarr. Es beginnt mit Kleinigkeiten: ein Café wird aufgegeben, die Adresse eines Freundes stimmt nicht mehr, oder die Erinnerung verblasst und reiht sich ein in die Prozession toter Clowns, die von der anderen Seite winken. Sie tun das nur in einer Stadt mit Fluss, wo sich das Rechts vom Links trennt, oder das Nord vom Süd. Gemeinhin nennt man das Verschwinden auch Veränderung. Die Worte sind jedoch nicht dasselbe; die Veränderung kann ohne Verschwinden auskommen, auch wenn trotzdem ein bestimmter Teil nicht mehr vorhanden ist, das Verschwinden aber hat etwas Geisterhaftes in seiner veränderten Form und bedeutet einen völligen Verlust. Ich kenne das Verschwinden sehr gut, es widerfährt mir in so vielen Gesichtern.

Alles Geisterhafte war mir von Anfang an vertraut

Sobald man das Verschwinden zum ersten Mal beobachtet hat, weiß man einiges von der Welt. Doch wirklich reizvoll wird es erst dann, wenn die Erinnerung einsetzt und ihre Kapriolen dreht. Wenn man nicht einmal sicher sagen kann, was man eigentlich gesehen hat, ist es nahezu unmöglich, die Vergangenheit lückenlos und in richtiger Reihenfolge heraufzubeschwören. Das sind die wahren Gespenster, und die Vergangenheit ist das wirkliche Jenseits. Besessen von der Idee zurückzukehren, ging ich die Wege rückwärts. Sie wurden verbraucht und lange nicht mehr benutzt, denn eines muss man wissen: Alle Wege werden geteilt und nur die Anordnung aller Gassen, die man halbblind durchstieß, ergeben schließlich den eigenen Weg. Die meisten vergisst man und so lässt sich niemals auf das Ganze schließen.

Alles Geisterhafte war mir von Anfang an vertraut. Kein Ort, an dem ich jemals war, der nicht von einem Spuk heimgesucht worden wäre, auch wenn ich längst und viele Jahre schon mein eigener Dämon bin. Doch es könnte sein, dass Geister auch mit der Jugend verschwinden; sie verschwinden vor allem dann, wenn man sie nicht mehr sucht, weil man ein Teil von ihnen geworden ist. Dadurch kehrt eine äußerliche Ruhe ein.

Im Gefüge herumkratzen. Es ist wie einen Körper betrachten. Es hat einen Grund, warum wir ausgerechnet diese Gestalt haben und keine andere. Wir sind immer und zu jeder Zeit, wer wir sein wollen. Und das Schöne ist: Nichts existiert wirklich, alles wird nur von Gedanken aufrecht erhalten, von unseren Beschreibungen und Erzählungen. Die aber wirken, weben also Welt.

Es ist schon wahr: ich wusste nie, wer ich war; vor allem deshalb nicht, weil jemand zu sein abhängst von einer Illusion, die man in anderen implementieren kann. Wir lernen also, jemand zu sein, indem wir jemand für andere sind. Doch das haben wir nicht in der Hand. Irgendwann konnte ich mir unter all den Modellen, die es von mir gab, das aussuchen, zu dem es mich am meisten hinzog. Doch es gab keines, mit dem ich mich identifizieren konnte. Mein eigenes Modell war dabei ebenso falsch wie das all jener, die sich große Mühe mit einem Abbild von mir gaben. Wir scheiterten alle.

Als ich noch zur Schule ging, wunderte ich mich bereits über die Welt, die daraus bestand, die Frage nach dem Alter zu beantworten. Wusste man das, war das Sternzeichen dran. Natürlich wäre es unsinnig anzunehmen, man bekäme als dreijähriger die Frage nach dem Jenseits gestellt. Kannst du dich daran erinnern, wie es war, bevor du geboren wurdest? Die Antwort wäre ohnehin nein gewesen, denke ich mir jetzt. Aber was wäre gewesen, wenn man sie mir damals gestellt hätte? Hätte ich etwas dazu sagen können? Weißt du, wo du dich befindest? Ich wusste nur, dass alles verschwimmt, wenn man es zu lange anstarrt. Ich wusste, dass ich wie in einem bierseligen Rausch umher lief, ohne wirklich besoffen zu sein. Ich träumte, wie ich lebte, da gab es keinen nennenswerten Unterschied. Ich lag im Bett, schloss die Augen und war immer noch draußen vor dem Haus. Die einzige Ausnahme war vielleicht, dass ich im Traum schwerelos war und herumfliegen konnte. Es war mir ein leichtes, über die Telefonleitungen zu hüpfen. Das ging soweit, dass ich bei Tag Angst bekam, wie ein Ballon aufzusteigen und nicht mehr nach unten zu kommen. Träumen oder Wachen waren tatsächlich dasselbe, aber wenigstens hatte ich bei Tag etwas Gewicht. Selbst wenn ich nur ein Kilo gewogen hätte, sagte ich mir, bliebe ich unten, denn ein Milchbeutel schwebt auch nicht einfach davon. Aber davon wollten die Leute nichts wissen, sie fragten mich nur, wie alt ich sei und warum mich meine Eltern nicht zum Friseur schleppten. Nun, es waren die 70er, da gab es keine Friseure.