Dass sich hinter meinem Rücken selbst viele Rätsel aufgestaut haben

Mir sind jene Geschichten lieb, in denen jemand nach seiner verlorenen Vergangenheit sucht. Herausgefunden habe ich diese Vorliebe für diese spezielle Form der Queste, als ich vor Jahrzehnten Tabucchis Indisches Nachstück las. Es war mir stets ein Ereignis, von einer melancholischen Vergesslichkeit zu träumen, die unmittelbar auf die Vergänglichkeit verweist. Es mag wohl daran liegen, dass sich hinter meinem Rücken selbst viele Rätsel aufgestaut haben. So gibt es zum Beispiel eine Fotografie, die sich in meinem Besitz befindet, auf der ein in den 1960er Jahren junger Mann zu sehen ist, wie er neben meiner damals ebenfalls jungen und unverheirateten Mutter steht; leicht versetzt zu ihr hakt er sich mit der einen Hand bei ihr ein (die andere ist nicht zu sehen) und könnte sie sogar am Fallen gehindert haben, denn sie deutet einen Ausfallschritt an. Das wäre an sich nichts Ungewöhnliches, wenn nur überhaupt jemand wüsste, wer dieser Bursche ist. Es soll sich wohl um einen ihrer Verehrer gehandelt haben, aber wodurch ließ er sich vertreiben? Diese Frage ist eine Kleinigkeit innerhalb der Fakten der Zeit, die empfindlich auf nur die kleinsten Impulse reagiert; größer ist sie, wenn sie die Wahrscheinlichkeit meiner Existenz berührt. Die Idee, dass ich ein anderer hätte sein könne, macht mich schaudern, aber nur deshalb, weil es dieses Foto gibt und ich es habe, denn alle, die es betrifft, sind tot und wussten zu Lebzeiten kaum etwas von seiner Existenz. Ich halte den Augenblick einer Unmöglichkeit in der Hand, der ich kaum weiter nachspüren kann.

Während ich nachts auf dem Kackbecken hockte und las, hörte ich den Wind durch die Rohre nach oben durch den Abfluss granteln. Es hörte sich in etwa so an, als ob ein Elefant ein Zelt anbläst, dessen feine Wände zu flattern beginnen.

Ein guter, heißer April

– ein Buch führt zum nächsten Buch, Upnek’hat, Enuma Elish; zog vorüber an Tagesblättern, Revuen, Broschüren, Postkarten, verschmähten Resten, die nach einer gewissen Zeit unauffindbar sein werden

sie hatten sich geliebt im Hochzeitsbett des Marduk, jetzt gibt es dort Weinbergschnecken und Entenmuscheln, Bordeaux im goldenen Glas

die Tür aufmachen und gehen, irgendwohin, einen Baum betrachten, innehalten in einem Kaufhaus, stocksteif stehen

ein guter, heißer April; kein Grund, jemals an das zu denken, was du heute vorfindest : einen kühlen April, einen April danach, Skizzen ordnen

der Fremde nickt den Bergen zu, der zweite Fremde weicht aus, die an der Kasse nimmt das lächelnde Geld mit den Schultern. Du rufst jemanden an : »Wie verschwindet man spurlos?«

Unterschiedliche Töne und Szenarien, die lose von der Decke hängen wie Lappen, die auf einen Tisch geworfen wurden. Der bärtige Kontinent, der seine Magie an die Ränder hinausdrängt : Andalusien, Normandie, Bretagne, Irland, Skandinavien, Britannien, Griechenland –

Moorleichen

Als ich dann anfing zu singen, dachte ich, dass ich singe, um Sänger zu werden, dass ich auf der Uhr fünf nach acht sah, das Morgenlied in der dritten Klasse, ein hohes Gezwitscher, fast wie Farinelli, der Kastrat, die Glocken noch nicht in Betrieb, aber dann sackte mir der Kehlkopf eine halbe Oktave ab, die Stimmlippen dehnten sich und ich sang nicht mehr, ich gurgelte nur noch, bis ich meinen Bariton fand, natürlich den hohen Bariton. Man könnte doch Geisterhymnen singen, sang ich also Geisterhymnen. Man könnte doch Moorleichen besingen, besang ich also Moorleichen, denen man die Brustwarzen in Scheiben geschnitten hatte, auf dass sie zwar keine Könige mehr sein – aber immer noch tanzen konnten.

Töpfchen koch!

Im obersten Stock des Cafés gingen die Rinderhälften einher; getragen wurden sie von mächtigen Rücken, denen der Skrupel fehlte, zusammenzubrechen. Filet auf Filet, die Füße auf dem ausgewalkten Teppich; auf dem Tisch: Kaffeeflecke ringelten sich wie die Jahreskreise eines gefällten braunsaftigen Baums, olympisch, Zelle für Zelle; ein Tag. Am Abend sangen sie alle “Wish You Where Here”, wozu sie Jim Beam aus einer Dreiliterflasche soffen und den Tränen immer näher kamen; aus der Kneipe herauf quoll der Blues wie Hirsebrei aus dem Topf.

„Töpfchen koch!“

Oh, ihr Gäste, ihr fremden Menschlein, heute Abend schob ich keine Pizzableche in den Feuerschein, verzupfte nicht Salat, schlug keine Filets, zerstieß kein angetrocknetes Mehl, heute versoff ich das Geld, das ich gestern in der Küche verdient hatte, vor Feuerschein und Gurke. Setzt euch doch!

„Setzen wir uns doch!“

Auf die Stühle, die ich mir borgen musste, genauso wie den Tisch, den wir nicht brauchten, weil wir alles auf den Boden schmissen; oh Hasi, Hasi, der feiste Bass : „Töpfchen steh!“

Dann unten: alles voll, die lange Theke – nur noch für mich ein Platz zwischen den rauchenden, schwelgenden Leibern. Du unnahbares Objekt meiner Begierde, mit Augen wie Bambi (Bam Bam Bambi), du Körper der Lust, du Heizdecke (ich widdere dich), rauchiges Universum (der Blues).

Now I left home this mornin’, I swore I’ve stopped and think
Made my friends a promise, I wouldn’t even take a drink
Of that bad, bad Whisky.

Als die Telefonie noch analog verlief

Als die Telefonie noch analog verlief, kam es vor, dass man mit der Wählscheibe nur halbe Ziffern wählte, weil man nicht bis zum Stopper durchzog. Meist passierte nichts weiter und es blieb still in der Leitung, bis auf das Hintergrundrauschen, das man auch zu hören bekam, bevor ein Freizeichen erschien, wenn auch nur kurz. Das Besetztzeichen hingegen erklang sofort. Die Vorstellung aber, doch durchgestellt zu werden, in eine Zwischenzone zu gelangen, war stets vorhanden. Doch wie lange hätte man warten sollen? Geister rühren sich erst dann, wenn sie erkennen, dass jemand einen langen Atem hat. Geduld ist ihre Währung. Eine andere Sache ist es jedoch, eine Nummer zu wählen, die es schon lange nicht mehr gibt, und die nicht vergeben werden kann, weil ihre Zeichenfolge aus einer anderen Epoche stammt. Man denke an ein Restaurant oder Hotel, weil deren Adressen noch leicht zu eruieren sind. Das Restaurant Schlichter im Berlin der 1920er Jahre, einer Zeit also, die viele verzweifelte Stimmen konservierte. Ausbacher Straße 46, Fernruf Amt Steinplatz 15610. Auch hier ist Geduld von Nöten, aber anders als bei einer Nummer, bestehend aus halben Ziffern, bestand dieser Anschluss in unserer Dimension. Was will man den Concierge fragen? Erkundigt man sich nach einem damals berühmten Gast oder gibt man sich zu erkennen als derjenige, der man ist? Ein verlorengegangenes Schattenwesen.

Der kolossale Weltenschwund

Hinter den in Reih und Glied stehenden Mülleimern zugte ein Schienenbus vorüber, knarzte bei quiekenden Fahrgeräuschen schwarzen Rauch in den wintergrauen Himmel, die Gesichter hinter den Scheiben kaum von Eisblüten zu unterscheiden. Geister, wir im Anorak mit Fellkapuze, abnehmbar.

Besungen habe ich – und hauchte damit ein dem Sang mein Leben, das ich selbst von ihm erfuhr; besungen habe ich all das, was ich erfuhr von meiner Selbst. Aus frischem Munde drangen Töne, drangen Noten, drangen Taten, frische Moritaten, den Bänkelsang stets eingeübt, jetzt virtuos ans Ohr gestellt.

Eine neue Tageszeit war angebrochen (mit erstaunlich viel Bewegungsfreiheit). Ich lehnte an der Brüstung meines Balkons, fühlte mich so groß wie der einzige Baum. In der Luft schwebten Paradiesgeister, betörten mit einer Sprache des lockenden und unerreichbaren Glücks, an dem der Mensch stirbt, wenn es nicht gemein, alltäglich, abgenutzt ist. Wer die Schönheit angeschaut hat mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben. Ich war bereits homerischer Heros, die Hetäre Aspasia, der Kyniker Krates, war König und Bettler, Pferd, Dohle, Frosch und mehrmals ein Hahn.

Die Stadt in ihrer persönlichen Dämmerung bedeutet ein Grollen tief in ihrem Leib, nicht Engelscharen wie ein florierender Gedankenschimmer. Kein Wesen ist der Engel, aber ein Informatiker der Wunder, verwechselbar mit einem Kronleuchter, immunes Licht, von einem Lichtschalter umworben.

Dazwischen bleibt der Welten Pest, der Auswurf der Gezeiten.

Der Geborene bestimmt seine Verneinung selbst, seine Existenz ist ein Feuerball, rein, glühend, enorm. Anders jene, die auf den Küchenboden plumpsen, unbemerkt, bis zu diesem Zeitpunkt zwischen Waschzuber und Kernseife, speckigen Handtüchern und dampfenden Kesseln, ihr Herzstück. Der Hund riecht in der Ecke die gebrochenen Knochen des Fasans, den wir anfassen durften. Die Pfeife zwischen den ungekürzten Fingernägeln erzählt von Promenaden ostwärts. Die Soße bahnt sich den Weg das Bein hinab, als käme es darauf an, weißt du?

Alles, was jetzt gesagt wird, wird von Staubmilben umgesetzt, ihre Höhe ist unsere Höhe, ihr Sturz ist nichts im Vergleich zu all den Bittbriefen, ausgedacht am Herd, später im Herd. Die Schere ist da, schneidet die Nabelschnur, die jetzt wie ein Bandwurm aus ihrer Möse hängt, ab.

Der Vogel schreit gleich los, ohne dass es etwas bräuchte, wird von schwieligen Händen zum Baden ins Spülwasser geworfen, das Hack ins Ei, Paniermehl, Pfeffer, Salz, alles gut vermischt.

Weißt du denn schon, wo du draufgehen wirst?

Bevor du sein Haus betrittst, hast du ihm zu sagen, wo du draufgehen wirst. Sie wird wollen, dass man etwas auf dein Grab legen kann, einen Stein, den sie beim Flennen umklammern kann, wird wollen, dass man dich zugenäht betrachten kann, wiedererkennt. Wenn man die Würste zu heiß siedet, platzen sie in ihrem Darm.

Aus meinem Mund drangen Emissionen fremder Sterne, Röntgen- und Reflexionsnebel.

Sie erblickte sich selbst aus einer Muschel steigen, ganz ohne die unheilvollen Verwundungen, die ihre Knochen trugen, weiß wie das Gleisen eines umgestülpten Planeten. Der Puls des Atems erschuf sie neu. Sie erkannte den Zeitpunkt ihrer Niederlage. Meine Augen lagen verdreht in Höhlen der Verzückung, verschwommen hinter Wänden des Schlafs. Kollabierende Zeitsphären, flügelzerschnittene Luft, in einer Grube der Impressionen, Miasma aus Staub, Quirl aufschießender Sphären. Ich rannte durch Dornenfelder, Flügelschlag mit Weltenklang (wie frei die Täler), nebelrein; und alles ist als Spiel erdacht, und wo ich meine Kerze trage, pustet man sie aus.

Räume entstanden, radierten die Wirklichkeit hinfort.

Ich habe dich beobachtet, wie du mit nackten Füßen über die Totenschädel gingst. Die wenigsten zerbröckelten unter deiner nachtschattigen Gestalt. Die Vergangenheit erschien wie dein persönliches Parkett aus der Tiefe aller Erinnerung. Wo gehst du hin? Und warum diesen Weg?

Die Kreuzung ist um diese Uhrzeit leer. Keine Entscheidung, die zu dieser Stunde getroffen wird. Deine Balance ist der Ruhepol dieser Nacht, auch wenn du nicht weißt, dass ich dich sehen kann. Die Gitter der alten Schmiede sind verschlossen. Ich streife oft durch die verwegenen Viertel, nichts Natürliches findet sich hier. Die Gräber der aufgerissenen Straße erreichen die verlassene Vorstadt. Wenn ich dich anspreche, erwachst du. Wenn ich dich lasse, wird ein Fehltritt dich versinken lassen. Meine Kreuzung, meine Entscheidung.

Die neutralen Dinge können sich in furchterregende Dinge verwandeln. Ich ertrage kaum mein Älterwerden, auch wenn es sich nur im Spiegel abspielt; nur dann nicht, wenn ich die Brücke, das Schloss betrachte, und dich, wie du warst, wie du unverändert hinter meinen Lidern stehst. Dich durchlöchert keine Epoche, du existierst wie eine Fotografie, deine Haltung wird sich nie verändern, deine Stimme nicht; kein Haus, kein Garten. Ich kann die Obstbäume zählen, die Früchte auf dem warmen Gras. Ich dachte, ich schließe die Vorhänge, halte die Uhren an, verdecke die Spiegel und ziehe mich in mein Zimmer zurück. Der kolossale Weltenschwund ginge mich nichts an.

Jetzt aber bin ich hier. Vielleicht decken sich die Ereignisse nicht, vielleicht sind sie etwas durcheinandergewürfelt. Vor und zurück auf der Zeitskala, Alpha und Omega nur künstlich, der ewige Strom aus Einbildung und Erfindung.

Wäscheboden

Manchmal sitze ich auf dem Dachboden in dem Sessel, der in der Wohnung einer freien Teppichfläche weichen musste. Die Duftmischung aus altem Gebälk, weichgespülter Wäsche und dem riesigen Lexikon mit Goldschnitt, das vorerst auch aus meinem Arbeitszimmer verschwunden ist, weil es so ungemein bibliothekarisch riecht, oder besser und wahrhaftiger, weil ich in diesem Raum nicht mehr laufen kann, verleitet mich dann dazu, mir eine Pfeife anzuzünden. Ich sitze da und betrachte die vertraute Wäsche. Und wenn ich unter dem Dach wohnen würde? Das ginge nicht ohne Hut. Also gehe ich hinunter in die Wohnung und suche mir einen aus, den ich selten trage, schließlich sitze ich auch selten unter der Wäsche; wieder oben angekommen, finde ich das Bild, das ich mit mir selbst darin nicht sehen kann, perfekt. Aber vielleicht trage ich die falschen Schuhe, denn was ich trage, kann man nicht Schuhe nennen. Aber morgen, wenn ich die Wäsche abnehme, werden es die richtigen sein.

Das Schneeberg-Habitat

Hoch auf den Schultern des Landes saß der Berg, so dass er noch ein Stück höher reichte und deshalb wesentlich mehr sah als angenommen.

Wenn er sich bewegte, tönte aus seinem Inneren ein heulender Ton, ein Schnaufen lang zurückliegender Zeiten. Es gab kaum Platz an seinen starken Flanken, kaum ein Emporkommen an den Splittern seiner Gegenwart, und seine Krallen waren finstere Bäche, die in Kavernen hinabstiegen und nicht an den Wiesen interessiert waren, die ihnen schöne Augen machten und über Nacht verschwanden. Sie stiegen in ein anderes Tal und brauchten nicht lange für ihre Entscheidung.

Ein Ornament, schöner als ein Filzhut, blieb zurück und drückte sich tief in die Erde, die ihre Stirn zu runzeln verstand. Diesen Berg bestieg ich aufgrund einer Vorahnung, ein Zeichen, das ich am Grunde eines Suppentellers sah. Es könnte Regen geben und es könnten sich neue Bäche bilden, es könnte ein neues Feld entstehen, abstrakte Muster, die zu lesen waren, wenn der Gipfel nichts dagegen hatte, wenn die Turbulenzen etwas nachgelassen hatten. Noch war die Zeit nicht vorbei, Zöpfe pilgerten die Wangen entlang, blaue Augen starrten in die Nacht aller Nächte hinaus. Ein Bild keiner Sonne. Ein eingerahmter Pflug. Das Schwert vergessener Fahrten. Noch zürnten die heißen Lippen, aber schon tranken sie die nächste Tasse eines fürchterlichen Wimmerns. In den Hütten blieb es still. Der Schlaf ging um und rührte nicht an den Geheimnissen, den unverschlossenen Türen, die in kleine unbenutzte Kammern ohne Fenster führten. Auch dort hingen die Träume bündelweise von der Decke, jeder von ihnen mit einem Preisschild versehen.

Ein Schneedämon, der sich von Fleisch ernährt, um danach in die Wälder zu verschwinden, um sich das eiskalte Schnütchen mit jungen Fichten zu putzen, quergelegt und weich. Die Förster hielten das abgescherte Bäumelein für Windfraß, das Schneelager für Holles Bettenzelt, das Bluträtsel für füchsisches Treiben, das Kochfeuer für Magie. Man erzählte es nicht in der Kneipe, sagte nicht: Ich habe heute im Wald einen Herd entdeckt, Nierengulasch war noch übrig, aber ich wollte nicht riskieren, dass dieser weiße Riese erwacht und mir vielleicht Lungen und Herz abfrühstückt.

Die Melancholie einer ländlichen Idylle

Die Mädchen sind frühreife, sonnenpolierte Nymphen, ein sanfter Splitter im Granit, der den Härtegrad verdirbt. Durch ihr rätselhaftes Fangen-Spiel wetteifern sie mit den Blumen der Lüfte, den Schmetterlingen; sie fassen sich an den luftdurchfluteten Blütenkleidern, klirrend ihr Lachen, die Zeit verwelkt. Heute sind sie jedermännisch, ihrer früheren Geheimnisse beraubt, doch damals konnte man ihre lunare Stimmung erhaschen. Jede von ihnen eine potentielle Jägerin der Nacht, vor Mitternacht zu Bett getragen, um im Traum zu verpuppen. Der Sommer trägt die Gelüste vorwärts, im Frühling versprochen, im Herbst entspannt genossen. Das erste Regen der Exogamie.

Sie schwangen am Baum vor dem Haus : Mone. Und Katjanka, die sich mit ihrem nachtschwarzen Haar, in dem sich verschiedene Blumen gut ausmachten, besonders für Indianerspiele eignete. Das Besondere an diesen fallenden seidenschimmernden Garnen war, daß man Konraden und Zimbelkraut damit festzurren konnte. Diese Art des Blumenbindens verkürzte ihre Frisur zunehmend, vom verhangenen Gesicht zur Windschnittigkeit getrimmt : Frisuren im Wandel der Zeiten.

Ich sah die beiden Hanfseile auf mich zu, von mir weg knirschen. Versteckt unterm Fenster das geflüsterte Trillern der Schaukelnden, die sich im Idiom eines leisen Kicherns miteinander unterhielten, die Mühlgrabenbrücke als geschätzte Kulisse. Ziegen mähten Gras: »Gras! Die wippen, wir fressen. Gras!«

Die Uhr gongte eine verquaste Stunde in die Sommerluft hinein. »Gras! Die wippen, wir fressen Gras.«

GONG! Es stank plötzlich nach Zeit. Im Sommer trägt die Luft den Ton bis in den Raum, in dem man steht. Keiner weiß, was das Nichts ist. Auch das Gelächter da draußen weiß es nicht. Lachen täuscht nicht über Vergänglichkeit hinweg. Jeder Winkel negiert einen Augenblick. Das Nichts als Abwesenheit von Erinnerung.

Ich sehe aus dem Fenster, zwischen die Hanfseile hindurch, an der Linde vorbei, immer weiter über das Tal hinweg, die Schafwiese, in ein anderes Fenster hinein, vor dem zwei Mädchen an einem Baum schaukeln. Hinter dem Fenster aber herrscht Dunkelheit. Die Melancholie einer ländlichen Idylle.

Vom Verschwinden

Das Verschwinden um uns herum ist bizarr. Es beginnt mit Kleinigkeiten: ein Café wird aufgegeben, die Adresse eines Freundes stimmt nicht mehr, oder die Erinnerung verblasst und reiht sich ein in die Prozession toter Clowns, die von der anderen Seite winken. Sie tun das nur in einer Stadt mit Fluss, wo sich das Rechts vom Links trennt, oder das Nord vom Süd. Gemeinhin nennt man das Verschwinden auch Veränderung. Die Worte sind jedoch nicht dasselbe; die Veränderung kann ohne Verschwinden auskommen, auch wenn trotzdem ein bestimmter Teil nicht mehr vorhanden ist, das Verschwinden aber hat etwas Geisterhaftes in seiner veränderten Form und bedeutet einen völligen Verlust. Ich kenne das Verschwinden sehr gut, es widerfährt mir in so vielen Gesichtern.